Kollinger Telegramm: Was mache ich am Montag-Morgen

Das hier nachstehend Geschriebene wäre zurecht wie eine Abrechnung mit all jenen zu betrachten, die ihren Patient wie eine Statistik behandeln, eine Abrechnung mit all jenen, die nicht verstehen und bis heute nicht verstanden haben – Jeder einzelne Patient ist ein Individuum und hat seine eigene (Lebens)Geschichte!!! – Ralf Kollinger

Unvergessen sollst Du sein mein Mentor, mein Lehrer
– Texte in Erinnerung an den Begründer und Namensgeber „Integrative Medizin“

Prof. Dr. med. habil. Detlev Thilo-Körner
*21. August 1945 – † 08. Juni 2017

Der Mensch ist ein Individuum und ein Gesamtkunstwerk –


Auszüge aus dem Kollinger Telegramm vom 30.Dezember 2013

Ach, was wäre die Medizin so einfach, wenn wir den Störfaktor Patient nicht hätten. Dann könnten wir uns unbeschadet über alle Variationen unterhalten, streiten und sehen, wer besser theoretisch argumentieren kann, wer mehr weiß als der Andere. Unser Problem ist nur: die Realität holt uns spätestens am Montag Morgen wieder ein, wenn der Patient mit seiner Individualität vor uns sitzt. Trägt dann die Theorie? Trägt dann die Statistik? Wissen wir, ob der Patient in unsere, in die eigenen „Norm-Überlegungen“ passt oder doch seine individuellen Fragen zu seinem Verlauf uns stellt?

Innerlich kommt ein Wermutstropfen jedoch wieder in Erinnerung, den ich im Editorial (LANCET 2.2.13, Vol 381, S. 347) gelesen hatte. Hier wurde an die Arbeit von Ian Chalmers und Paul Glasziou im Lancet 2009 (347: 86-89) erinnert, dass 85% unserer weltweiten Forschung nichts taugt oder ineffektiv sei. Einer der vier angegebenen Begründungen ist, dass die Aussagen für den Kliniker und den Patienten nicht relevant sind.

Zitat Prof.Dr.med.habil.Detlev G.S.Thilo-Körner

„Die Uni in Bern, zusammen mit der obersten Sozialbehörde in der Schweiz, hat schon in den 90er Jahren festgestellt, dass nur 4% der Medizin sogenannt wissenschaftlich abgesichert sind“ Zitat Ende

Aus dem Film
„C3M Consilium Dritte Meinung – Die virtuelle Klinik 2015“ (2:21min. – 2:35 min.)
von Ralf Kollinger

Ernüchternd? Aufgeschreckt über das Hinterfragen des weltweit vielfältig bedruckten Papiers (Publikationen)? Sie sind im „Sandkasten der Wissenschaft“ erstellt, in dem aus dem Mittelalter u.a. begleiteten und teilweise unbewusst übernommenen Regeln entstanden sind. Sind sie deswegen „wahr“ oder „wahrer“?

Daraus leite ich ab, dass wir eigentlich jede zitierte Publikation nach ihrer Brauchbarkeit der Aussagen, des Studiendesign hinterfragen sollten bzw. müssen. Jeder mag das anders machen, was er als „wahr“ akzeptiert und damit übernimmt.

Wie häufig habe ich allein 2013 den maximalen Frust erlebt, wenn ich die zitierten Arbeiten im Original gelesen hatte und umsetzen wollte. Auch noch so interessante Details erspare ich mir hier. Festzuhalten war, dass häufig keine Übertragbarkeit auf den individuellen Menschen möglich war. Entweder waren es Versuche mit Zellkultur oder mit Mäusen, nur Befragungen per Telefon, keine exakten Messungen oder nur Einmalmessungen, das Ausblenden vielfältiger Regelkreise, abgeschriebene Ergebnisse und dann auch noch falsch und vieles mehr. Auch als Wissenschaftler muss ich mich immer wieder zur Vorsicht mahnen: Übernimm nur das, was Du selbst überprüft hast.

Bei der ganzen Diskussion Zahnheilkunde fiel mir auf, dass ein Aspekt nur sehr wenig bis nicht beachtet und bedacht wurde:

  • Könnte es sein, dass der Andere auch noch anderes Wissen hat und deswegen so urteilt?
  • Könnte es sein, dass es in der „ganzheitlichen Zahn-Heilkunde“ auch Zahnärzte gibt, die doch über den Tellerrand hinausschauen und weit darüber hinaus auch handeln? Habe ich mir vorab die bohrende Frage selbst gestellt: Wo ist mein Tellerrand?
  • Es könnte vielleicht sein, dass so bescholtene Therapeuten doch Wissen über Medizin haben, dass sie doch auch praktische Erfahrung haben? Jeder kennt unser menschliches Verhalten der überschnellen Verallgemeinerung – oder doch nicht?
  • Könnte es sein, dass ich mich zum „selbsternannten Experten“ hochstilisiere nach der Definition von Prof. Markquard (ehemalig Ordinarius für Philosophie, Uni Gießen, am Universitätstag 2002). Nach seiner Beschreibung, erhebt der Experte sich über alle, legt seine eigenen, für Andere nicht mehr erreichbare Maßstäbe fest und so kann ihm keiner mehr folgen. Damit ist ER unangefochten. Ziel in der Wissenschaft, der Anerkennung, in der Gesellschaft, im eigenen Lebensverständnis? Befriedigend oder macht dies einsam?

So könnte ich weiter aus der Erfahrung mit meiner eigenen jahrzehntelangen Arbeit sagen:

Es ist doch zum Verzweifeln, dass es so „viele unwissende Therapeuten“ gibt,

  • die nichts von Zahn-Heilkunde verstehen
  • die nichts vom verschobenen Atlas und dessen Auswirkungen auf die ganze Statik und Nervenstress oder deren Beziehung zu anderen Organbereichen verstehen
  • die nichts von Mitochondrien und deren Beeinflussungen vielfältiger Regelkreise wissen
  • die nichts von z.B. Spurenelementen, Vitaminen als NOT-wendige Partner unseres Stoffwechsels wissen
  • die Virenbelastungen als natürlich gegeben hinnehmen und nichts von deren Anreicherung z.B. in der Bandscheibe wissen
  • die den Patienten, also uns, in der Einzelteil-Medizin zerlegen und so auch behandeln statt in zusammenhängenden Regelkreisen zu erkennen und so auch behandeln
  • die „nur“ Immunsuppression akzeptieren wollen
  • die nicht das Darmschleimhaut-Immunsystem mit einbeziehen
  • die den Patienten Wissen und dessen Umsetzen vorenthalten (aus mangelndem Wissens- oder dogmatische Gründe?)
  • die so dogmatisch programmiert sind, dass sie anders Wissen nicht für denkfähig halten
  • die nichts von Biochemie verstehen
  • die nur noch z.B. mechanistische Genbiologie betreiben, uns so auseinandernehmen
  • die sich nach dem z.B. „Wissen“ der Verbraucherzentrale in ihren Vorgaben, wie so manche Krankenkassen argumentieren, verhalten
  • die durch Patienten so geschädigt sind, dass sie sich zum eigenen Schutz für Andere nicht mehr einsetzen
  • die Gutachter nicht entlarven und ihr Expertendasein gerichtlich hinterfragen
  • die nur nach Leitlinien handeln und somit das eigene Denken und Ringen abgeschafft haben
  • sie nichts von unserer Seele verstehen und der veränderten Steuerung unseres Daseins durch diese innerlich gespeicherten Bilder
  • die Glaubensmedizin betreiben „ich glaube, dass dies richtig ist und dass es ihnen hilft“
  • die nicht zwischen Glaubensmedizin und nachprüfbarer Medizin unterscheiden wollen, auch wenn nicht alles messbar ist
  • die noch immer nichts von Metabolm gehört haben und dessen Vernetzung im ganzen Organismus einbeziehen geschweige danach handeln
  • die unsere Glaubensvorgaben in unserer Wissenschaft nicht hinterfragen können und wollen, weil dies ja unwissenschaftlich ist – wer will sich schon selbst diskreditieren? Da wird man ja nicht mehr ernst genommen und ….
  • die den Absolutheitsanspruch der eigenen Meinung und des eigenen Wissens nicht mehr täglich in Frage stellen können bzw. wollen, da dies ja zu anstrengend ist und plötzlich Bescheidenheit gefragt ist

Jeder kann hier seine Liste erstellen bzw. diese weiterführen.

Soll ich jetzt verzweifeln, blind um mich schlagen, weiter Frust schieben (auch wenn ich es leider täglich erlebe) oder anstrengen, es eben besser zu machen? Habe ICH alles bedacht, alles registriert, alles umgesetzt? Wäre da nicht der eigene Zweifel der eigenen Insuffizienz; ach wäre das schön, wenn es anders wäre!

Wer ist schon in der Lage so schnell, so effektiv, so richtig Wissen anzuwenden, Entscheidungen zu treffen, alles in der Übersicht haben wie z.B. das Knochenmark, dass 2,8 Millionen Erythrozyten/Sekunde freigibt oder die Leber, die angeblich 10^15 Entscheidungen pro Sekunde (!) treffen kann und muss?

Da wir ALLE im Kollinger-Telegramm und in diesem berühmt gewordenen und mehr als hilfreichen Netzwerk frei unsere „Meinung“ darstellen wollen und können, sollten wir auch alles unternehmen, dass es so bleibt. Verhaltensweisen, die außerhalb unseres ehrlich geführten Kollegen-Therapeuten-Gesprächskreises praktiziert werden, haben hier keine Daseinsberechtigung.

Würde dies Schule machen, dann werden uns nur noch Fassaden-Meinungen dargestellt, wie wir dies häufig in unserer Wissenschaftsgeschichte – auch aus den letzte Jahren und Jahrhunderten nachprüfbar – erleben. Nur wenn ich sicher bin geschützt und vor Missbrauch bewahrt meine Meinung kundtun kann, werde ich auch ehrlich in meinen Darstellungen sein. Dieses Privileg in unserem „Kollinger Telegramm“ sollten wir uns unbedingt erhalten.

Das Ringen um Wahrheit ist nicht Wissen um Wahrheit.

Im Sinne von Dr. Bircher-Benner (1938) sollten wir die schlichte Aufgabe täglich umsetzen, dass wir uns vom Mediziner, vom Therapeuten zum Arzt im weitesten Sinne entwickeln. Damit erfüllen wir einer der Vorgaben der „Integrativen Medizin“. Dies ist keine Illusion. Es sollte unser Ziel sein, trotz alledem.

So wünsche ich uns allen ein sonnenreiches, erkenntnisreiches Neues Jahr 2014 und bedanke mich bei Dir, lieber Ralf, für dieses Netzwerk, für die daraus gewonnenen Erkenntnisse und Anregungen, und Bereicherung meiner eigenen Arbeit.

In Erinnerung: Geschrieben im Kollinger Telegramm am 30. Dezember 2013

…Mentoren und alte Wegbereiter, sie werden weiterleben und immer unter uns sein, wenn wir ihr Erbe bewahren und weitergeben!